“Verantwortung als Investition in Vertrauen” lautete die Überschrift eines Vortrages von Professor Dr. Andreas Suchanek am vergangenen Mittwoch im Gorch-Fock-Haus in Wilhelmshaven. Die von der OLB organisierte Veranstaltung versprach einiges zum Thema Ethik. Mit Professor Suchanek stand schließlich einer der bekanntesten Schüler des Wirtschaftsethikers Karl Homann auf dem Podest. Suchanek hält an der Handelshochschule Leipzig den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik inne.
Was Suchanek für seinen Vortrag versprach, waren keine Rezepte. Was ist ethisch vertretbar, was nicht? Diese Frage konnte dann auch an diesem Abend nicht geklärt werden, so gerne es auch die Teilnehmer der dem Vortrag folgenden Diskussion gesehen hätten. Suchanek versuchte anhand einiger Beispiele die Widersprüche zwischen Unternehmenszielen (z. B. “Transparentes Handeln”) und der Wirklichkeit (“Bestehung von Polizisten in Venezuela”) zu verdeutlichen. Diese Differenzen bezeichnet er als Diskrepanzen. Die entscheidene Frage sei letztendlich, welche Diskrepanzen für das Vertrauen relevant seien und welche nicht. Dazu hatte Suchanek nun eben kein “Kochbuch” mitgebracht.
Für mich traf dieser Vortrag aus zweierlich Sicht nicht meine Erwartungen:
Erstens war das Ergebnis ziemlich banal: Als Rat für Unternehmen empfiehlt er: “Halten Sie Ihre Versprechen.” Aha. Dass sich dabei als Ausfluß Vertrauen bildet, dürfte sich auch vielen Nicht-Studierten erschließen.
Zweitens war der Vortrag schwach vorgetragen. Dass Professor Suchanek mehr “kann”, zeigte er in der anschließenden Diskussion durch Detailwissen (etwa zur Frage nach dem Verhalten von Pharmaunternehmen) und Schlagfertigkeit. Leider war die Präsentation fast ausschließlich eine Powerpoint-Folienschlacht. Dies habe ich bei Vorträgen im Rahmen des OLB-Forums schon besser umgesetzt erlebt.
Zufälligerweise lief mir heute im Internet eine wirklich innovative Umsetzung eines Vortrages über den Weg:
In Berlin tobt offenbar ein Glaubenskrieg. Ein Krieg um Schüler und das Fach “Religion”. Worum geht es? Seit 2006 ist an Berliner Schulen das Fach “Ethik” Pflichtfach, Religion kann freiwillig als Zusatzfach belegt werden.
Nun gibt es eine Initiative namens “Pro Reli”, die eine Wahlmöglichkeit zwischen Ethik, evangelischer Religion und anderen Glaubenslehren fordert.
Faktisch herrscht an Berliner Schulen ein staatlich verordneter Einheitszwang zu Ethik, eine wirkliche Wahlfreiheit zwischen Ethik und Religion besteht nicht. Das soll sich durch die Einführung des Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion ändern. In der Fächergruppe könnte jeder Schüler, jede Schülerin zusammen mit den Eltern selbst bestimmen, ob sie – je nach weltanschaulicher Grundüberzeugung – lieber Ethik besucht, oder am jeweiligen Religions- oder Weltanschauungsunterricht teilnehmen wollen: Eine freie Wahl zwischen gleichwertigen Alternativen.
(Quelle: pro-reli.de)
Natürlich darf nun eine Gegeninitiative nicht fehlen, die Pro-Ethik-Bewegung der Humanistischen Union:
Die Humanistische Union setzt sich für den gemeinsamen Ethikunterricht ein, denn:
- nur in einem gemeinsamen Unterricht werden Toleranz und Respekt für andere Kulturen, Religionen und Weltanschauungen gefördert und erfahren.
- nur in einem gemeinsamen Unterricht werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Überzeugungen gleichberechtigt vermittelt.
- nur in einem gemeinsamen Unterricht erhalten alle Schülerinnen und Schüler eine grundlegende Bildung zu Fragen der Ethik und Menschenrechte
(Quelle: http://proethik.humanistische-union.de/)
Nunja. Als überzeugter Atheist kann ich mich eher für die Argumente der Pro-Ethik-Gruppe erwärmen. Letztlich sieht mir die ganze Szenerie aber ein bisschen nach Kindergarten aus: “Ich will aber die Wachsmalstifte haben!” – “Nein, das sind meine Wachsmalstifte.” usw.
Es kommt doch zusammengefasst darauf an, den Kindern Werte mit auf den Weg zu geben, die sie in der Zukunft anwenden können und die ihr gesellschaftliches Leben als Erwachsene positiv beeinflussen. Ich bin der Überzeugung, dass dies auch eine Religion zu tun vermag. Es wird eben nur in schönere Märchen verpackt als im Ethik-Unterricht.
Religionsunterricht aber gleich als Betrug zu bezeichnen, wie es etwa der Schockwellenreiter tut, halte ich für übertrieben. Es ist in gewisser Weise Märchenerzählerei, aber der Religionsunterricht kann auch gesellschaftliche Werte herausbilden und daher auch positiv prägend für die Jugend sein.
Ich schließe mit den Wortes einer britischen Atheisten-Kampagne:
“There is probably no god. Now stop worrying and enjoy your life.”